31. August 2015

mehr als ein Marathon im alpinen Gelände

Ein langer Lauf in den Dolomiten ist immer eine läuferische Herausforderung und nachdem ich bei meinen letzten Seiser Alm Aufenthalten die komplette Alm sowie das Kofelmassiv abgelaufen bin, mußte nun eine neue Runde her. Daher habe ich mir auf der topologischen Karte eine Tour markiert, bei der die blanken Zahlen schon einiges versprachen. Die Laufstrecke war mit 33 km und 2700 Höhenmetern kalkuliert. Weil ich nur grob den Routenverlauf markiert habe, sollte ich bei der Streckenlänge noch eine Überraschung erleben.
Um 10:36 Uhr breche ich gut ausgerüstet mit Wasser, Proviant und warmer Kleidung im Rucksack zu meiner Ochsentour auf. Ich plane mit zirka sechs Stunden reiner Laufzeit. Die ersten Kilometer sind mir wohl bekannt, Aufstieg zur Tierser Alp Schutzhütte und dann auf dem Kamm des Schlerns rüber zu den Schlernhäusern. Nach gut zehn km und 1:23 Stunden bin ich auf dem Schlern an der Schutzhütte auf 2450 Metern angekommen. Kleine Pause zum Trinken aus den Flaschen, aber irgendwie kommt über den Schlauch kein Wasser aus dem Trinkrucksack.
Jetzt folgt ein Abstieg runter nach St. Zyprian, bei dem ich 1200 Höhenmeter innerhalb von knappen neun Kilometern vernichte. Wer jetzt denkt, da kann man es laufen lassen, der irrt gewaltig. Die Strecke ist zu Beginn über Almwiesen sehr gut zu laufen. Dann wird es ein schmaler, steil abschüssiger Trail mit losem Schotter. Ich muß bei jedem Schritt acht geben, daß ich nicht rutsche. BrenfalleVor mir sehe ich eine Frau auf dem Hosenboden daher rutschen. Als ich aufschließe, sehe ich auch den Grund für diese Methode. Die junge Frau hat mit ihren Riemensandalen im steilen Gelände überhaupt keinen Halt und ihr italienischer Macho-Mann ist ihr auch keine Hilfe und geht ein paar Schritte voran. Da kann ich beim Überholen nur den Kopf schütteln und konzentriere mich weiter bergabwärts zu laufen. Ich komme zum sog. Bärenfalle, einer sehr engen Kluft, die mit Holzstegen (Foto1) zu überqueren ist. Hier verliert meine Forerunner 910 XT sogar das GPS Signal. Nach einer guten Stunde bin ich im Tal angekommen, dort mache ich eine kurze Pause und esse die mitgenommenen Nußriegel.

Jetzt heißt es permanenter Aufstieg bis zur Grasleitenhütte auf 2134 Meter. Zu Beginn ist es ein gut ausgebauter Forstweg, der dann in einem schmalen Bergtrail mündet. Ich schaffe die 950 Meter aufwärts in 1:32 Minuten, wobei ich die steilen Passagen im Walkingschritt nehme. An der Hütte angekommen mache ich einen weiteren Rast und kaufe mir eine Cola. Ich brauche jetzt Zucker und einen Riegel. Das Problem mit meinem Trinkrucksack kann ich hier auch lösen, der Schlauch war nicht komplett eingesteckt. Den Hüttenwirt frage ich nach dem weiteren Weg und überlege mir ernsthaft über den Molignonpass abzukürzen.
Weiter geht es bergauf und als ich am Abzweiger zum Molignonpass stehe, denke ich „Scheiß drauf“ und nehme den Weg hoch zum Grasleitenpass. Ein steiler gerölliger Trail führt hoch zur Passhöhe auf 2599 Meter. Hier angekommen, ist der Wegweiser für mich nicht ganz eindeutig und ich frage an der Grasleitenpasshütte (Foto2) nach dem Weg zum Antermoiapass. Grasleitenpasshuette„Da hoch“ meint der Wirt und deutet auf einen felsigen Steilhang. Jetzt kommt das finale Stück bergauf, noch einmal 200 Höhenmeter machen, was ganz gut geht. Nach 17 Minuten bin ich auf der Passhöhe auf 2770 Metern (Foto3) angekommen. Pass_AntermoiaHier oben geht ein frischer Wind, vor allem wenn man in der kurzen Hose und im T-Shirt da steht. Nun geht es bergabwärts am Antermoia-See vorbei bis zur Antermoia-Hütte auf 2497 Metern. Auf dem Wegweiser sind 50 Minuten angegeben, ich schaffe es in 23 Minuten und kaufe mir wieder eine Cola an der Hütte, die gerade umgebaut wird.
Die Seiser Alm kommt immer näher, es sind aber noch zwei Pässe zu bewältigen. Als nächstes stellt der Dona Pass kein Problem dar, denn dieser liegt fast auf der gleichen Höhe wie die Schutzhütte (Foto4). Danach geht es wieder bergab ins Durontal und hier verpasse ich einen Abzweiger. Irgendwie muß ich das Schild übersehen haben und handle mir damit einen Umweg von drei Kilometern und 100 Höhenmetern ein. Es zeichnet sich nun auch ab, daß die kalkulierten 33 Kilometer für die komplette Route nicht stimmen, es werden deutlich mehr sein. Ich schreibe meiner Frau mit dem Smartphone eine Nachricht, daß ich noch eine Stunde benötige. Es sind noch der Duronpass und die Malknechthütte zu passieren. Der Duronpass ist auf dem Schild mit 311 Differenzhöhenmetern angegeben und führt auf 2175 Meter hoch. Dieser Passweg ist furchtbar mit Beton präpariert. Nun geht es rein rechnerisch bis zum Hotel Paradiso nur noch bergab. Da ich aber die Strecke von hier ab kenne, weiß ich genau, daß noch ein paar Wellen zu bewältigen sind. Der restliche Weg führt mich an der Malknechthütte und an der Almrosenhütte vorbei.
Um 19:10 Uhr treffe ich am Hotel ein und bin fertig wie ein Schnitzel. Meine Garmin Uhr zeigt mir insgesamt 43,2 Kilometer in 7:18 Stunden und 2880 Höhenmeter im Aufstieg an. Baaam, ich habe somit mehr als einen Marathon in sehr alpinen Gelände zurückgelegt. Nun weiß ich auch, wie sich 2880 Höhenmeter anfühlen und wie die Oberschenkelmuskulatur vom bergab laufen schmerzt. Das war jetzt wahrlich eine Ochsentour für mich, ich bin noch nie weiter und länger zu Fuß unterwegs gewesen.

Antermoia_See

Blick aus der Vogelperspektive auf den Antermoia-See. Vom See aus gesehen auf zwei Uhr kann man die Schutzhütte erkennen. Weiter oben im Bild der Weg zum Dona Pass.

www.42komma2.de -Faszination Marathon-

Chicago 2016

Chicago Marathon 2016 (Zeit 2:49:19)

Foto: Isaak Papadopoulos

Zitate


„Für einen Marathon zu trainieren ist schwer.
Noch schwieriger ist es, nicht für einen Marathon trainieren zu können.“

Viktor Röthlin (schweizerischer Marathon-Europameister 2010)